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Eine praktische Anwendung der Gurdjeff-Arbeit
Die innere Arbeit, die G. I. Gurdjieff uns vorgeschlagen und übermittelt hat, ist keine rein theoretische Auseinandersetzung. Sie betrifft unmittelbar unser Leben und unseren Alltag. Sie soll gerade dort überprüft und verifiziert werden und nicht auf einem blinden Glauben an angeblich wahre Lehren beruhen.
Ihre Gültigkeit kann sich nur durch eigene Erfahrung bestätigen. Einen Aspekt dieser Arbeit möchte ich heute näher beleuchten, weil ich ihn kürzlich auf sehr konkrete Weise in meinem eigenen Leben erfahren durfte.
Eine der grundlegenden Ideen Gurdjieffs ist, dass jeder Mensch über drei Zentren verfügt:
das Denkzentrum, das Gefühlszentrum und das Bewegungs- beziehungsweise Körperzentrum.
Erst wenn alle drei gleichzeitig beteiligt sind, miteinander in Beziehung stehen und sich in einem gewissen Gleichgewicht befinden, wird eine wirkliche innere Arbeit möglich.
Die Bedingungen der Arbeit in den Gurdjieff-Gruppen zielen darauf ab, diese Verbindung zu fördern. Die verschiedenen Übungen, die Bewegungen, das gemeinsame Arbeiten, Gespräche, das Sitzen in der Stille oder die Aufmerksamkeit auf alltägliche Tätigkeiten sprechen unterschiedliche Bereiche unseres Wesens an und helfen dabei, sie wieder miteinander in Verbindung zu bringen
.Eng damit verbunden ist die Idee der Akkumulatoren, der Energiespeicher, wie sie von P. D. Ouspensky in seinem Buch „Fragmente einer unbekannten Lehre“ beschrieben wird. Dort wird davon gesprochen, dass jedes Zentrum über seinen eigenen Energiespeicher verfügt. Wenn ein solcher Speicher vollständig erschöpft wäre, könnte der Organismus nicht mehr weiterarbeiten und sogar sterben.
Für mich persönlich war es eine außerordentlich spannende Erfahrung, diese Idee plötzlich auf sehr konkrete Weise nachvollziehen zu können. Normalerweise benötigt es eine lange Zeit der Beobachtung und viele Erfahrungen, um die Tätigkeit der drei Zentren überhaupt unterscheiden zu lernen und ihre Bedeutung für unser Leben zu verstehen. Umso eindrücklicher ist es, wenn sich diese Zusammenhänge im eigenen Leben plötzlich unmittelbar zeigen.
Ich hatte eine Phase intensiver beruflicher Herausforderungen hinter mir, verbunden mit viel Arbeit und erheblichem Stress. Dabei entstand allmählich ein Gefühl innerer Leere und des Ausgebranntseins. Der Zustand, den ich erlebt habe, fühlte sich tatsächlich ein wenig „tot“ an. Ich konnte bemerken, dass mich viele Dinge emotional nicht mehr erreichten. Eine gewisse Gleichgültigkeit hatte sich eingestellt – gegenüber Erzählungen anderer Menschen ebenso wie gegenüber kleinen Ereignissen, über die ich mich normalerweise freue und die mein Herz erwärmen.
Tatsächlich weiß unsere Sprache manchmal genauer, worum es geht, als uns bewusst ist. Wenn wir sagen, etwas „wärmt unser Herz“, dann beschreiben wir eine ganz konkrete Erfahrung des Gefühlszentrums. Ebenso sprechen wir davon, „berührt“ zu werden, „innerlich bewegt“ zu sein oder dass uns etwas „nahegeht“. All diese Formulierungen deuten darauf hin, dass Eindrücke uns tatsächlich erreichen und in uns eine Wirkung hinterlassen. In der Phase meiner Erschöpfung war genau dies nur noch eingeschränkt möglich. Die Eindrücke kamen zwar an, drangen aber nicht mehr wirklich zu mir durch. Erst allmählich entstand wieder die Fähigkeit, mich berühren und erwärmen zu lassen.
Vielleicht lohnt es sich überhaupt, unserer Alltagssprache mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wir sprechen von einem „klaren Kopf“, wenn das Denken gut funktioniert, von einem „warmen Herzen“, wenn das Gefühlszentrum lebendig ist, und davon, „ein gutes Körpergefühl zu haben“, wenn wir uns körperlich gegenwärtig und verbunden erleben. Solche Redewendungen sind keine präzisen Beschreibungen im wissenschaftlichen Sinn, aber sie weisen auf Erfahrungen hin, die Menschen seit jeher kennen. Möglicherweise enthält unsere Sprache ein implizites Wissen über die verschiedenen Bereiche unseres Wesens, das wir im Alltag oft übersehen. Man muss dabei allerdings vorsichtig bleiben, diese Zuordnungen nicht zu schematisch zu verstehen, sondern eher als Hinweise auf Erfahrungen, nicht als Definitionen.
Im Laufe des vergangenen Wochenendes, das wir gemeinsam in der Mühle verbrachten, mit Bewegungen, Gesprächen, gemeinsamem Sitzen in der Stille und anderen Aktivitäten, konnte ich langsam eine Veränderung wahrnehmen. Eindrücke begannen mich wieder zu erreichen. Sie hinterließen eine Wirkung und schienen dieses Zentrum allmählich wieder „aufzufüllen“ oder „nachzuladen“, um in der Sprache Ouspenskys bei dem Bild der Akkumulatoren zu bleiben. Natürlich war ich weit davon entfernt, am vollständigen Entleeren eines solchen Speichers zu sterben. Dennoch war es eine eindrückliche Erfahrung zu spüren, wie sich ein verloren gegangenes Gleichgewicht langsam wiederherstellte und eine größere Lebendigkeit und Lebensfreude zurückkehrte.
Dabei wurde mir noch etwas anderes deutlich. Jedes Zentrum scheint eine ganz bestimmte Nahrung zu benötigen, um gesund und ausgeglichen arbeiten zu können. Auf eine neue Weise habe ich verstanden, wie wichtig es ist, wahrzunehmen, welche Nahrung gerade notwendig ist und welchen Einflüssen oder Erfahrungen ich mich in einem bestimmten Moment aussetzen sollte.
Das Bewegungs- und Körperzentrum benötigt z.B. Bewegung, Rhythmus, körperliche Anstrengung, Ruhe und Regeneration. Das Gefühlszentrum benötigt Begegnung, Schönheit, Berührung, Musik, Natur oder die echte Teilnahme am Leben anderer Menschen. Das Denkzentrum benötigt Anregung, Konzentration, Fragen und Aufgaben, die ein bewusstes Denken erfordern.
Jeder kennt solche Bedürfnisse. Manchmal entsteht ein starkes Verlangen nach Bewegung. Manchmal verspüren wir einen Hunger nach kulturellen Eindrücken, nach einem Konzert, einer Kunstausstellung oder einem guten Buch. Oder wir haben das Bedürfnis, ein Problem zu durchdenken und eine schwierige Aufgabe zu lösen.
Und doch ist unser Verständnis dafür oft erstaunlich rudimentär. Häufig behandeln wir uns selbst, als wären wir ein einziges, ununterscheidbares Wesen, das entweder „funktioniert“ oder „nicht funktioniert“. Die Vorstellung, dass verschiedene Bereiche in uns unterschiedliche Bedürfnisse haben und jeweils ihre eigene Nahrung benötigen, ist uns weitgehend fremd. Aber gerade die moderne Lebensweise verstärkt diese Einseitigkeit extrem. Berufliche Anforderungen und dazu der ständige Medienkonsum am Smartphone beanspruchen häufig über viele Stunden hinweg das Denkzentrum, während Körper und Gefühle vernachlässigt werden. Irgendwann entsteht dann das Gefühl von Erschöpfung, Sinnlosigkeit oder innerer Leere. Wir versuchen dies oft durch noch mehr Aktivität oder Ablenkung zu kompensieren, obwohl möglicherweise etwas ganz anderes benötigt wird.
Die praktische Anwendung der Gurdjieff-Arbeit könnte daher zunächst überraschend einfach formuliert werden:
nicht sofort etwas verändern zu wollen, sondern zu lernen, zu beobachten, zu bemerken. Welcher Bereich in mir ist im Augenblick überbeansprucht? Welcher Bereich ist vernachlässigt? Welche Nahrung fehlt?
Dieses Bemerken allein verändert bereits etwas. Es eröffnet die Möglichkeit, bewusster zu leben und nach und nach eine größere innere Ausgeglichenheit zu entwickeln.Vielleicht besteht ein wesentlicher Teil der Arbeit genau darin: immer wieder Bedingungen zu schaffen, unter denen Denken, Fühlen und körperliche Gegenwärtigkeit gleichzeitig anwesend sein können. Denn erst dann entsteht jene besondere Qualität von Aufmerksamkeit, die Gurdjieff als Voraussetzung einer wirklichen inneren Entwicklung verstanden hat. Dann wird die innere Arbeit nicht mehr zu einer besonderen Tätigkeit, die neben unserem Leben stattfindet. Sie wird zu einer Art, unser Leben zu leben.
Peter Hornung


